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Susann Barczikowski: Reisen

Mir ist beim Aufräumen ein Reiseprospekt eines Fahrradtouren-Anbieters in die Hände gefallen. „Mit dem Fahrrad den Peleponnes erkunden. Per Bike zu den schönsten Klöstern in Frankreich oder mit dem Rad rund um Cap Horn“. Aber nicht nur das Ausland lässt sich mit dem Rad erkunden. Auch Touren durch landschaftlich reizvolle Gegenden hierzulande sind darunter. Und genau so eine Tour haben wir vergangenes Jahr mit Freunden unternommen. Rund um die Müritzer Seenplatte. 350 Kilometer mit dem Rad.

 

Ob es dieses Jahr noch was wird mit dem Verreisen? Ich habe meine Zweifel …

Spanien, Italien oder die deutsche Ostseeküste – die Grenzen sind dicht und wir müssen zuhause bleiben. Und grade jetzt, wo in allen möglichen Zeitschriften (die Themen standen vor dem Erscheinungsdatum vermutlich schon lange fest) die schönsten Ferienziele in nah und fern angepriesen werden. Es ist zum Verrücktwerden. Oder? 

 

Wie hatte ein guter Freund vor ein paar Jahren formuliert (und lange vor ihm wohl der Dichter Joseph Conrad)?: „Das wahre Reisen findet im Kopf statt,“ während mein Vater früher öfters sagte: „Dieses Jahr verreisen? Ja, mit dem Finger auf der Landkarte.“

 

Ich schaue mir die Tour im Katalog noch einmal an. Dann setze ich mich an den PC und lade die Fotos hoch, die ich im August 2019 geschossen habe. Und plötzlich ist sie da, die Erinnerung an die wunderschöne Landschaft, die mitunter verschlafenen Ortschaften, oft mit mehr als einem Hauch von „Ostalgie“, und die urigen Gasthöfe. Wir sind an endlosen goldgelben Kornfeldern vorbei geradelt, erntereif und satt, und haben unter alten Friedenslinden ein Päuschen eingelegt. Zwischen 40 und 50 Kilometer haben wir am Tag zurückgelegt, zugegebenermaßen drei von uns mit dem E-Bike. Trotzdem waren die Touren nicht ohne, denn einige Etappen führten über unbefestigte Feldwege und ausgefahrene, sandige Pisten. Staunend haben wir den Müritz-See wie ein Meer wahrgenommen. Glitzerndes, tiefblaues Wasser bis zum Horizont, mit schnittigen weißen Segelbooten mittendrin. Nach einem erfrischenden Bad ließen wir uns das dortige Bier schmecken, müde und zufrieden mit vielen neuen Eindrücken im Kopf. 

 

Auf einmal sind die Fotos nur noch Mittel zum Zweck. Längst haben sich neue innere Bilder zu einem ganz wunderbaren Abenteuer formiert. Aus Eindrücken, die ich verinnerlicht habe und jederzeit wieder neu erleben kann.

 

Wahre Reisen finden im Kopf statt. Der nächste Urlaub ist gerettet. Ich bleibe zuhause und denke mir meine ganz eigene Reise aus. Mal sehen, wohin die Fantasie mich treibt. Die Landkarte liegt bereit.