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Martin Heß: Tag 24

Früh am Morgen über die Felder zu streifen, ist wirklich ein exklusives Vergnügen!  Kein Mensch begegnet einem. Man ist allein. Ich liebe das! Eigentlich ist niemand davon ausgeschlossen. Jeder könnte es tun. Heute macht es aber keiner. Außer mir…

Es ist ein großes Glück, zum Frühaufsteher geboren zu sein, denke ich. Wenn ich zwischen halb fünf und fünf an so einem Tag wie heute vom Vogelgezwitscher erwache, kostet es mich keine Mühe aufzustehen, sondern es macht fast Spaß! Durch das  Fenster im Bad sehe ich bereits den orange leuchtenden Streifen Lichts am Horizont und die Wetter App sagt mir, dass in vierzig Minuten die Sonne aufgeht. Falls nichts dazwischen kommt. Man weiß ja nie in diesen Zeiten…

Streeck hat gerade seine Heinsberg-Studie veröffentlicht. Pressekonferenz und großes Tamtam. Das ist natürlich gegen die Regeln. Die Arbeit ist noch nicht einmal abgeschlossen. Und eigentlich muss auch erst mal wissenschaftlich im Peer Review geprüft werden, bevor man damit an die Öffentlichkeit geht. Aber was ist schon noch normal?

Faszinierend zu beobachten: Wissenschaft findet jetzt ganz öffentlich statt, der Diskurs wird transparenter und das ist gut so! Vor allem wenn man die Tragweite der Entscheidungen bedenkt, die auf dieser Grundlage jetzt zu treffen sind. Wir alle sind betroffen. Politik (von gr. polis, das Gemeinwesen) ist das, was alle angeht. Was ginge uns mehr an, als unsere Gesundheit? Zeit für politisierte Wissenschaft und  wissenschaftliche Politik!  Doch die Wissenschaftler wollen nichts damit zu tun haben. Die Entscheidung, so betonen sie stets, muss politisch verhandelt werden. Korrekt. Verantwortung gehört auf die Schultern derer, die dafür gewählt wurden.

Drosten erbittet weitere Erläuterungen von Streeck, sind die Ergebnisse doch erklärungsbedürftig, die Durchseuchung ist erstaunlich hoch, die Letalität erstaunlich niedrig. Kein Problem. Die Medien inszenieren aber einen Art  Gelehrtenstreit daraus. Oder jedenfalls versuchen sie es. Was für ein armseliges und durchsichtiges Spiel!  Aufgebauschte bis erfundene Nichtigkeiten sollen unsere Aufmerksamkeit kidnappen und Klicks auf ihre Seiten lenken. Von Reflektion, Aufklärung, Verständlichmachung keine Spur, im Gegenteil.  

Ein Highlight in der Informationsflut: Die Dankesrede von Boris Johnson nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus. Da ist einer vom Saulus zum Paulus geworden! Sehr emotional, bewegt und bewegend seine Lobpreisung der Ärzte und des NHS. Das Virus schält die Essenz heraus.  Humanität siegt.

Am Himmel wölbt sich jetzt ein riesiger Farbverlauf von Ost nach West (von „lavendel“ bis „dark navy blue“ sozusagen) als ich vor das Tor trete. Bei Münzenberg eine Strecke Schleierwolken, offensichtlich Reste eines Kondensstreifens. Über der Rhön ein einsamer Flieger. Auch er lässt eine weiße Spur Wasserdampfs hinter sich. Der Streifen vergeht nicht, sondern macht sich langsam breit. Wäre jetzt Flugbetrieb, wie immer, wäre es vermutlich wolkig. So aber ist der Himmel blau, die Luft von einer fast atemberaubenden Klarheit. Eine kühle Frische liegt auf dem vom Tau noch feuchten Land. Es ist windstill. Ein Morgen wie von Edvard Grieg. Und der Tag gehört mir!

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