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A. Yamini: Bambus - ein Beispiel in der Krisenzeit?

Foto: privat
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Bambus ist eine wunderbare Pflanze mit außergewöhnlichen Eigenschaften. Außen hart, innen weich. Im Verhältnis zu seinem Eigengewicht und seiner Nutzlast übertrifft sie mit diesen Standhaftigkeiten selbst Stahlbeton. Durch seine Wurzel verfügt Bambus über eine hohe Standhaftigkeit, ist aber trotzdem sehr elastisch und biegsam (vgl. Resilienzforum, Zugriff 12.04.20).

In der Resilienzforschung beschreibt Ella G. Amann Resilienz als das Prinzip des Bambus', die Fähigkeit, Krisen und Veränderungsprozesse als Anlass für Weiterentwicklung und persönliches Wachstum zu nutzen (vgl. Ella G. Amann 2016) .

- Präsent sein, in Kontakt und durch ein stützendes Netzwerk gut verwurzelt.

- Den eigenen Standpunkt kennen, dabei flexibel und beweglich zugleich sein.

- Mit dem Wind gehen, nicht gegen ihn. Nach dem Sturm sich selbst wieder aufrichten.

 

Was ist Resilienz? Was hat dies mit uns in der heutigen Krisenzeit zu tun?

 

Jemand fragte mich, woran es liege, dass ich trotz der Kriegserlebnisse und Lebenshindernisse resilient bin und keine psychischen Auswirkungen zeige. Als ich selbst das Thema unterrichtete, dachte ich oft an diese Frage und las Literatur, um eine Antwort zu finden. Ich erkannte Aspekte, fand aber nie eine 100-prozentige Antwort auf diese Theorien.

 

Nach dem Duden kommt der Begriff Resilienz ursprünglich aus der Physik und bezeichnet in der Werkstoffkunde die Fähigkeit eines Stoffes, sich verformen zu lassen und dennoch in die ursprüngliche Form zurückzufinden (vgl. Duden-Online).

Aber was hat das mit uns Menschen zu tun?

Resilienz bezeichnet die Fähigkeit eines Menschen, sich trotz widriger Umstände, trotz Niederlagen, Krankheiten und Krisen wieder zu fangen und sich neu aufzurichten (vgl. Rampe 2004, S. 8f.).

 

Jahrzehnte waren wir enormen Veränderungen ausgesetzt: Globalisierung, technologische Erneuerungen (digitale Welt), Informationsflut, beruflicher Konkurrenzdruck, Konflikte am Arbeitsplatz, schwindende Lebensbalance. Die Auswirkungen waren, dass wir leicht den Kontakt zu uns selbst verloren hatten, gestresst, hektisch, unzufrieden waren oder auch chronisch erkrankten. Resultat war, dass die Menschen sich nach so vielen Krisen im Leben nicht aufrecht halten bzw. nicht wieder aufstehen konnten. 

 

Hier stellt sich die Frage: Was war ein kleiner, schöner, resilienter Moment in Ihren vergangenen Tagen oder Wochen im Job oder privat, welcher Sie stark und glücklich gemacht hat?

Die Antwort fällt vielleicht einigen heute in dieser Krisenzeit nicht leicht.

 

Soziale Distanz, Unsicherheit bei der Arbeit, Kurzarbeit, finanzielle Sorgen, Corona-Krise und immer wieder tragische Nachrichten aus aller Welt und vielleicht eigene Betroffenheit, in der Familie, bei Angehörigen oder Bekannten führen dazu, dass wir ins Schwanken kommen. Wir wünschen uns unser altes Leben mit all seinen Gewohnheiten zurück.

 

Ich musste oft in den letzten Tagen und Wochen an meine Erlebnisse vor ca. 25 Jahren denken, als ich in Kabul zuhause saß und nicht nach draußen und nicht zur Schule durfte.

Wiederholt sich alles? Bin ich resilient? Kann ich diese Krise genauso gut überstehen wie damals? Fragen über Fragen, die mich in den letzten Wochen beschäftigt haben.

 

Als ich mich mit einer Psychologin über das Thema Resilienz unterhielt, meinte sie: „Ja, Menschen haben unterschiedliche Strategien, um mit ihren Erlebnissen umzugehen." Dass ich sehr aktiv sei und mich viel beschäftige, zeige, dass ich eine Art Verdrängungs-Strategie habe, mit der ich versuche, mit meinem Leben und meinen Emotionen klar zu kommen; die Auswirkungen kämen eventuell erst dann hoch, wenn ich mich nicht mehr beschäftigen kann.

 

Ich nahm diese Äußerung so an und dachte: In Ordnung, das kann sein. Dies ist eine von vielen Theorien.

 

Als der Appell zur sozialen Distanzierung an die Bevölkerung gerichtet wurde und wir von heute auf morgen zu Hause bleiben mussten, musste ich vieles erledigen, das in den letzten Tagen liegengeblieben war. Im Hinterkopf beschäftigte mich aber immer wieder das Thema Resilienz, und ich dachte an die Aussage der Psychologin. Ich hatte das Bedürfnis, die Antwort der Psychologin zur Resilienzfrage zu überprüfen. Ich wollte herausfinden, wie man mit Krisen umgehen kann, wie man widerstandsfähig wie ein Bambus werden kann, allerdings ohne Verdrängungsstrategien.

 

Die US-amerikanischen Forscherinnen Emmy Werner und Ruth Schmidt fanden heraus, dass bei Resilienz viele Faktoren eine Rolle spielen. Zum Beispiel Umweltfaktoren wie die Unterstützung durch Bezugspersonen, Familie, Gemeinschaft, Kollegen oder mindestens eine bedeutsame Person. Außerdem spielen persönliche Faktoren  wie kognitive Fähigkeiten, emotionale Fähigkeiten, etwa wie sich Emotionen und Handlungen kontrollieren lassen, aber auch Selbstwirksamkeiten ebenfalls eine entscheidende Rolle. Nicht zu vergessen sind die Prozessfaktoren, wie man die Perspektiven wahrnimmt, wie man sie akzeptiert und Strategien entwickelt (vgl. Emmy Werner & Ruth Schmidt, 1977).

 

Es sind Tage vergangen, ohne dass ich viel gemacht habe oder aktiv gewesen bin. Ich sah viele Sendungen im Internet und in den Mediatheken über die Geschichte von Deutschland, den Zweiten Weltkrieg, Krisen in der Welt aber auch über die Geschichte von Afghanistan und die politischen Ereignisse, welche meine persönlichen Erlebnisse seit meiner Geburt in diesem Land wiederspiegelten.

 

Ich glaube, dass ich eine Antwort für mich gefunden habe. Ja, ich bin resilient, und meine Strategie ist mit Sicherheit nicht „Verdrängung“ sondern, dass ich alle Krisen im Leben als Chancen begriffen habe und einen Realitätsbezug hergestellt habe.

 

In einer globalen Welt, in der wir so eng miteinander vernetzt sind, war es bislang kaum vorstellbar, solche Maßnahmen zu ergreifen, wie sie uns heute auferlegt sind. Die Digitalisierung der Schulen lag bislang in der Zukunft. Nun aber mussten wir von heute auf morgen – genau genommen: von gestern auf heute – alle digital arbeiten.

 

Zu den „im Westen“ entwickelten Resilienz-Theorien könnte der Aspekt dazukommen, dass gemeinschaftliche Krisen weniger negative Auswirkungen auf die psychische Stabilität der Menschen haben als individuelle Krisen. Wir sind alle in gleichem Maß betroffen, Arme, Reiche, Junge, Alte, Frauen und Männer, Angestellte und Selbstständige, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Vertriebene und Vertreiber, Integratoren und Polemiker.

 

Wenn Krisen in einer Gesellschaft alle gleichermaßen betreffen, dann kann das Kollektiv die Krise besser verarbeiten als es bei einer Vielzahl individueller Krisen der Fall wäre. Dass wir soziale Isolationsmaßnahmen beachten, steht außer Frage. Die Corona-Krise betrifft uns alle auf der ganzen Welt. Wir können nur durch einen gemeinschaftlich-rücksichtsvollen Umgang  miteinander die Krise bewältigen. Es ist eine kollektive Krise. Dies soll jedoch nicht die Tatsache verkennen, dass hierbei Einzelne schwerer von der Krise betroffen sind als andere.

 

Es ist trotzdem wichtig, in der Krisenzeit optimistisch zu bleiben, sich selbst regulieren zu können und für sich selbst zu sorgen. Trotz aller Schwierigkeit, die uns abverlangten Auflagen einzuhalten, zielorientiert zu bleiben und selbstverantwortlich-kreativ die eigene Zukunft zu gestalten. Wir sollten die Krise als Chance und Wendepunkt betrachten und über den Sinn des Lebens nachdenken. Nicht wieder so tun, als wäre nichts gewesen. Wir haben uns sicherlich verändert; wir haben uns in dieser Zeit weiterentwickelt. Nichts kann so laufen wie vorher, wir sollten nicht so tun, als wollten wir das alte Leben zurück. Wir sind gezwungen, über unser Leben, unser Konsumverhalten, unsere Lebensweise und Arbeitswelt nachzudenken. Wir sollten die Beziehungen zu Familie, Freunden und Bekannten neu gestalten. Sinnvoll wäre es, für sich tägliche Ziele zu formulieren, eigene Erfolgs-Journale zu erstellen und sichtbar zu machen, was wir erreicht haben; vor allem mehr Empathie gegenüber Mitmenschen zu entwickeln, Hass beiseite zu lassen und gemeinsam für gegenseitiges Wohlbefinden zu sorgen.

 

"Geo Wissen Gesundheit" hat in seiner vierten Ausgabe im Jahr 2016 ein wissenschaftlich basiertes Programm aus Großbritannien veröffentlicht, welches Menschen helfen soll, ihr psychisches Wohlbefinden zu steigern. Konkret geht es um fünf Empfehlungen: „Suche Gemeinschaft“ , „Bewege dich“ , „Sei neugierig und achtsam“ , „Höre nie auf zu lernen“ und „Tu etwas für andere“ (vgl. Geo Wissen Gesundheit, 2016).

Ich hoffe, dass wir in dieser Zeit trotz globaler Krise unsere Wurzeln verfestigt, einen eigenen Stand gefunden haben, trotzdem flexibel bleiben wie Bambus - und am Ende den Weg gefunden haben, den wir in der Zukunft gehen werden, ohne Gegenwind zu spüren.

 

C. Saunders sagt: „ES GEHT NICHT DARUM, DEM LEBEN MEHR TAGE ZU GEBEN, SONDERN DEN TAGEN MEHR LEBEN.“ (Cicely Saunders 2019). 

Adela Yamini

StR, Erziehungswissenschaftlerin M. A. 

Quellen:

Ella G. Amann (2016):  Resilienz, 2. Auflage, Verlag Taschen Guide

Emmy Werner & Ruth Schmidt (1977): The Children of Kauai. A longitudinal study from the prenatal period to age ten. University of Hawai'i Press

Geo Wissen Gesundheit (2016): Was die Seele stark macht, 4. Auflage

Rampe, Micheline (2004): Der R-Faktor: Das Geheimnis unserer inneren Stärke, Verlag Norderstedt : Books on Demand GmbH

Resilienz- Forum unter: https://resilienzforum.com/das-bambus-prinzip/

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Kommentare: 2
  • #1

    Katja Bohn-Schulz (Montag, 13 April 2020 19:29)

    Mir hat der Beitrag ausnehmend gut gefallen, vielen herzlichen Dank für die sehr guten Anregungen und die vielfältigen Erläuterungen zum Thema Resilienz.

    Ich möchte lediglich zwei kurze Anmerkungen tätigen:

    Das überaus berühmte und oft benutzte Zitat von Dame Cicely Saunders wurde von dieser im Rahmen ihres Engagements als Begründerin der Hospizbewegung getätigt, Dame Cicely Saunders lebte von 1918 bis 2005 in England.

    Außerdem ist es mir ganz besonders wichtig, darauf hinzuweisen, dass auch Menschen, die aufgrund ihrer persönlichen Vergangenheit, ihres Umfeldes und anderer multifaktorieller Umstände die Chance haben, gut durch Krisen zu kommen.
    Eigene Gefühle, in diesen Zeiten auch die vermehrt negativ auftretenden Gefühle, Ängste und Sorgen zunächst einmal ungefiltert zuzulassen, diese als einen Teil von sich selbst zu akzeptieren und im Nachgang bei Bedarf auch mit psychologischer Unterstützung zu bearbeiten, ist ebenfalls ein Weg zur Bewältigung dieser Krise, die uns allen viel abverlangt dieser Tage.
    Individuelle Dankbarkeit ist meines Erachtens ein weiterer wichtiger Faktor!
    Es gilt, sich darüber Gedanken zu machen, wofür ich dankbar sein kann und wofür ich täglich dankbar bin.
    Sich darüber klar zu werden, über welche eigenen persönlichen Ressourcen ich selbst verfüge, um jeden einzelnen Tag in dieser ganz besonderen Situation in ganz kleinen Schritten bewältigen zu können!








  • #2

    Adela Yamini (Mittwoch, 15 April 2020 01:00)

    Liebe Katja,

    Vielen lieben Dank für deine Anmerkungen.

    1. Das Zitat von Cicely Saunders habe ich aus einer Postkarte entnommen, die 2019 veröffentlicht war.

    2. zum Thema Resilienz gibt es zum Glück sehr viel Studien und Du hast vollkommen recht, dass Resilienz lebenslang entwickelt werden kann.
    Dementsprechend ist Dankbarkeit eine von vielen Methoden, die empfohlen werden kann.

    Viele Grüße,

    Adela