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Susann Barczikowski: Schockstarre

Mich hat sie erwischt. Die Schockstarre – eigentlich schon vor dem offiziellen Shutdown am 15. März. Bereits Tage zuvor haben wir – mein Mann und ich – uns ziemlich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Kein Treffen mehr mit unseren Enkelkindern, was eine schmerzliche, neue Erfahrung für uns war und immer noch ist. Kein Besuch im Restaurant, in der Lieblingskneipe, im Fitness-Studio … Wir haben uns also zuhause einquartiert und uns in eine weitestgehende Selbstquarantäne begeben. Freiwillig und als reine Vorsichtsmaßnahme, denn die erschreckenden Nachrichten aus China und wenig später dann aus Italien, diesem wunderbaren Land, haben uns geschockt. 

 

Plötzlich ist sie da, die Zeit, von der wir sonst so wenig hatten. 

 

Was tun mit dieser vielen, freien Zeit? Das übliche Aufräumen, Kochen, Putzen zur tagesfüllenden Aufgabe machen? Zwischendurch im Internet die neusten Fallzahlen recherchieren und mit Schrecken, Zweifel, Kritik die verschiedenen Strategien zur Eindämmung des Virus und den Ausmaßen der Krise hinnehmen? Ja. Die Krise hat nicht nur das ganze Land, sondern die ganze Welt lahmgelegt. Und sie hat nicht nur mich in eine Schockstarre versetzt. 

 

„I want you to panic“, hat Greta Thunberg noch Ende 2019 in ihrer eindringlichen Art gefordert. Sie wird kaum gewusst haben, wie recht sie haben würde. Unsere Umwelt bekommt jetzt vielleicht eine klitzekleine Chance sich ein wenig zu erholen. Und wir? Wir geraten in Panik, aber nicht wegen der Umwelt, sondern wegen Covid-19, und weil es nun das erste Mal ist, seit wir denken können, dass WIR unmittelbar bedroht sind.Weil wir keinen Plan haben und nicht wissen, was noch auf uns zukommt. Schockstarre überall. 

 

Susann Barczikowski